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Häresie der Formlosigkeit

Martin Mosebach
Hanser
Art.Nr.: 07-01-06
Häresie der Formlosigkeit

Das Zweite Vatikanische Konzil, das 1965 endete, hatte einen der revolutionären Kulturbrüche des 20. Jahrhunderts zur Folge. Papst Paul VI. ordnete das Ende der alten römischen Liturgie und die Schaffung einer neuen an. Doch der Optimismus, dass die Abschaffung des Lateinischen als Liturgiesprache der Kirche neue Kreise öffnen könne, ist längst vergangen. Martin Mosebachs provozierendes Buch stellt die Frage, ob die Kirche durch den Bruch mit ihrer großen Tradition sich nicht selbst ihrer Substanz beraubt hat, aber auch, ob über den alten Ritus bereits das letzte Wort gesprochen ist.

Leseprobe:
Ich habe mir vorgenommen, in diesen Zeilen, in denen von meinem Verhältnis zur Religion die Rede sein soll, so wenig wie möglich von der Religion zu sprechen. Das Glaubensbekenntnis, das ich häufig auf lateinisch vor mich hinmurmele, oder besser, vor mich hinsumme, weil ich es mir mit seiner Melodie aus der »Missa de angelis« leichter merken kann, enthält keineswegs alle Sätze, die ich glaube; es gehen diesem Credo, das die Kirchenväter in Nizäa und Konstantinopel unter zum Teil ziemlich rabiaten Auseinandersetzungen formuliert haben, bei mir eine ganze Reihe wichtiger Glaubenssätze voraus, die für mich womöglich sogar ein noch höheres Gewicht besitzen; das Credo ist eigentlich nur der Schlußstein meiner Glaubensüberzeugungen. So glaube ich etwa, daß ich ein Mensch bin. Ich glaube, daß es die Welt gibt. Ich glaube, daß mir die Eindrücke meiner Augen und Ohren zutreffende Nachrichten über die Wirklichkeit geben. Ich glaube, daß ein Gedanke ebensoviel Wirklichkeit besitzt wie ein Berg. Wie jeder weiß, gibt es für keinen dieser Glaubenssätze einen auch nur halbwegs zwingenden Beweis. Manche haben sogar die naturwissenschaftliche Wahrscheinlichkeit gegen sich. Die Zweifel an diesen Sätzen verstehe ich gut, manchmal beschleichen sie auch mich. Aber in einer tieferen Schicht meines Bewußtseins wische ich alle bedeutenden Einwände gegen die Wirklichkeit der Welt und mein Menschsein, obwohl ich sie nicht widerlegen kann, beiseite. Ich fürchte, mir eingestehen zu müssen, daß ich ein Steinzeitmensch bin. Es gelingt mir nicht, meine intellektuellen Einsichten mit meinen tief im Physischen wurzelndenGrundüberzeugungen in Übereinstimmung zu bringen. Obwohl ich längst wissen müßte, daß ich in einem Chaos lebe, daß es in mir eine Instanz, die »Ich« sagen könnte, überhaupt nur als neuronalen Reflex gibt, daß jeder Sinneseindruck dieses nicht vorhandenen Ichs auf Täuschung und Wahn beruht, höre ich das Lied der Amsel am Abend, das bekanntlich gar kein Lied, sondern eine die Evolution begünstigende Geräuschentfaltung ist, und den fernen Klang der Kirchenglocke, bei der eine Maschine den Klöppel auf ein Stück Bronze haut, als eine mir bestimmte, wenn auch unentschlüsselbare Nachricht. Ich höre und müßte längst verstanden haben, daß die Gegenstände, die mich umgeben, ohne die mindeste Bedeutung sind, daß nichts in ihnen steckt, daß alles, was ich in ihnen sehe, nur von mir – aber wer bin ich? – in sie hineingesehen wird. Ich höre das, aber ich glaube es nicht. Ich stehe auf der tiefsten Stufe der Menschheitsgeschichte. Ich bin Animist. Wenn ich bei Doderer lese, ein Klavier »verharre in möbelhaftem Schweigen«, fühle ich mich verstanden. Ich glaube derart fest an die objektive Existenz des Klaviers in seiner grundsätzlichen Andersartigkeit und Fremdheit, daß ich seine Art, im Zimmer zu stehen, tatsächlich als ein bewußtes Schweigen empfinden muß. Ein Mongolenschamane sagte mir, daß ein Stein, der aus dem Boden gegraben werde, sich darüber jahrelang nicht beruhigen könne. Ich halte das für wahrscheinlich. Die Welt stellt sich mir, wenn ich meiner inneren Stimme, diesem vollständig unbelehrbaren Organ, lausche, als bis in die letzte Faser mit einem Leben erfüllt dar, das ein anderes Leben ist als das meine. Dies Leben kann sogar in Körperloses hineinschießen, in Wörter zum Beispiel. Es gibt Wörter von koboldartiger Eigengesetzlichkeit, gestopft voll Komik und Eigensinn, der über ihre Bedeutung weit hinausschießt, das sind kleine Wortdämonen, die jeder kennt, die aber für jeden in anderen Wörtern stecken. Ich schicke diese grundsätzlichen Bekenntnisse voraus, damit verständlicher wird, wie der alte katholische Ritus, den die meisten Bischöfe verboten haben und verfolgen, auf mich wirkte, als ich ihn schließlich, nach jahrelangem Bad in der Gregorianik von Kiedrich, zum ersten Mal wieder erlebte. Der Zusammenbruch der Liturgie in der offiziellen Kirche hat auch etwas Gutes: Der Ritus ist jetzt wieder ein wirkliches Mysterium, in dem Sinne, daß er, wie eigentlich auch vorgesehen, im Verborgenen gefeiert wird. Der erste Rang der Priesterweihe ist der – inzwischen abgeschaffte – Ostiarius, der darüber zu wachen hat, daß während der Mysterienfeier die Türen für die Ungetauften verschlossen bleiben. In der Orthodoxie ruft heute noch der Diakon vor Beginn des Opfers: »Achtet auf die Türen!« Ich reportiere hier nicht, wie ich zum ersten Mal auf den alten Ritus gestoßen bin; jeder, dem ähnliches begegnet ist, weiß, wieviel Zufall oder Fügung notwendig sind, um eines Tages in die Nähe einer solchen Kultfeier zu gelangen. Ich vermute auch, daß ein Unvorbereiteter, der den alten Ritus zum ersten Mal erlebt, einigermaßen verdutzt davorstehen wird. Latein mag er nicht verstehen, das Wichtigste wird ohnehin geflüstert, das Priestergewand kann zwar auffallend sein, aber von dem, was der Priester tut, sieht die Gemeinde nichts, er verdeckt es mit seinem Körper. Schön und zutreffend ist der alte Witz von dem jüdischen Schuljungen, der in eine Messe gerät und seinem Vater davon erzählt. »Ein Mann kam mit einem kleinen Jungen herein und gab dem Jungen seinen Hut. Der Junge hat den Hut versteckt. Dann fragte der Mann die Gemeinde: Wo ist mein Hut? Und die Gemeinde antwortete: Das wissen wir nicht. Darauf haben sie für einen neuen Hut gesammelt. Am Ende hat der Kleine dem Mann den Hut wiedergegeben, aber das Geld haben sie nicht mehr herausgerückt.« Als Schuljunge ging mein Verständnis über das des jüdischen Schuljungen, wie ich berichtet habe, kaum hinaus. Jetzt aber durfte ich erfahren, warum es sinnvoll ist, Kinder zu überfordern und sie zu zwingen, sich mit Dingen zu beschäftigen, denen sie noch nicht gewachsen sind. Was mir damals ein Rätsel geblieben war, hatte sich in meiner Vorstellung einen unbeachteten, aber sicheren Platz bewahrt. Das stille Wandeln des Priesters vor dem Altar, die Verneigungen, Kniebeugen und das Ausbreiten der Hände fügten sich in ein altes Bild, das ich, ohne es zu wissen, längst in mir trug. Das Stehen am Altar hatte etwas Angespanntes. In der Kirche meiner Kinderzeit erhob sich über dem Hochaltar ein grau gipsernes Riesenkruzifix im Beuroner Stil, und ich sah diesen mächtigen Stamm als eine aus dem Altar herausragende Achse an, die von dort in den Himmel reichte. Aber auch, wenn das Kruzifix auf dem Altar kleiner ist, ist für mich dies Gefühl der Achse immer noch präsent, verbunden mit einer Vorstellung unbestimmter Gefahr. Dem geschäftigen Küster, der auf dem Altar herumhantierte und etwas brachte oder etwas von dort wegräumte, folgte ich stets mit Unbehagen. Zur katholischen Welt mit ihrer »Gnadenverwaltung« gehören immer solche Personen, die nüchtern und geschäftsmäßig mit Dingen umgehen, die für die Laien ein unzugängliches Numinosum darstellen. Auch im Heiligtum gibt es Hausmeister mit ebensoviel fataler Souveränität wie die ihrer profanen Kollegen. Aber nun sah ich zum ersten Mal wieder einen Priester im Magnetfeld des Altares. Was er sprach und sang, glitt an mir ab. Ich empfand es als weniger wichtig. Wichtig war der Eindruck, daß er etwas tat. Dies Stehen und Armeausbreiten und Kreuzemachen war ein Tun. Der Priester arbeitete dort vorn. Was er mit den Händen tat, war ebenso entscheidend wie seine Worte. Und seinen Taten waren Gegenstände zugeordnet: weiße Leinentücher, ein goldener Kelch, ein goldener kleiner Teller, Wachskerzen, Kännchen für Wasser und Wein, die mondhafte weiße Hostie, ein großes, in Leder eingebundenes Buch. Die Meßdiener bedienten ihn in zeremonieller Weise, sie schlugen die Buchseiten für ihn um, übergossen seine Fingerspitzen mit Wasser und reichten ihm ein kleines Handtuch. Nachdem er die Hostie in die Höhe gehoben hatte, vermied er, mit Daumen und Zeigefinger noch etwas anderes zu berühren und legte sie deshalb zusammen, auch wenn er den Kelch anfaßte oder den goldenen Tabernakel aufschloß. Es gibt gute Gründe, den Glauben, daß menschliche Handlungen irgend etwas bewirken, als Größenwahn zu betrachten. Von solchem Größenwahn kann der Gang über das wüste Gelände kurieren, auf dem einmal eine antike Großstadt gestanden hat, eine hellenistische Metropole voller Kunst, Geld, Energie und Erfindungsgeist. Und doch meinen viele, die sich weigern würden, an Engel zu glauben, daß, was in einer solchen Stadt gedacht und geschaffen worden sei, unfaßbar, aber höchst wirksam weiterlebe und ein sich immer wieder materialisierendes Fundament für Neues bilde, das ohne diese Grundlage nicht entstehen könne. Von einer solchen Vorstellung ist es nur noch ein Schritt, eine Auswirkung materieller Handlungen auf rein geistige Regionen anzunehmen. Die Völker aller Kulturen haben dies geglaubt und deshalb als ihre höchste Handlung, den Inbegriff jeden Handelns, da mit der höchsten Wirksamkeit verbunden, das Opfern angesehen. Das Opfern ist eine materielle Handlung, die eine geistige Wirkung anstrebt. Dieser Sprung ist aber nur für Idealisten absurd. Für Materialisten der steinzeitlichen Prägung ist alle Materie ohnehin so von Geist und Leben erfüllt, daß es aus ihr geradezu herausstrahlt– die letzten Europäer, die in dieser rückständigen Mentalität verharrten, waren wahrscheinlich die großen Stillebenmaler. Was der Priester auf dem Altar opferte, soll hier unerörtert bleiben. Entscheidend war für mich zunächst, daß er opferte. In einem der Gebete während der Opferhandlung hieß es: »... nimm dies Opfer wohlgefällig an, wie Du einst mit Wohlgefallen aufgenommen hast die Gaben Abels, Deines gerechten Dieners, das Opfer unseres Patriarchen Abraham, das heilige Opfer und die makellose Gabe, die Dein Hoherpriester Melchisedech Dir dargebracht hat.« Der Hirte Abel hatte die Erstlinge seiner Herde und ihr Fett auf dem Opferaltar verbrannt, Abraham hatte seinen Sohn opfern wollen und dann an dessen Stelle einen Widder geschlachtet, Melchisedech, der nicht zum Volk Abrahams gehörte, opferte Brot und Wein. Urreligion, Judentum und Heidentum waren durch die drei Namen des Opfergebetes repräsentiert; Menschenopfer, Tieropfer und unblutiges Opfern waren genannt, wobei das unblutige in seinen Zeichen die Erinnerung des blutigen bewahrte. Es war mir klar, daß die katholische Messe in ihrer seit über eintausendfünfhundert Jahren ununterbrochenen überlieferten Form genaugenommen gar nicht als der Ritus einer bestimmten Religion betrachtet werden durfte, sondern als die Erfüllung aller Religionen, die sie sämtlich in sich aufgesaugt hatte. Wenn ich an einem solchen Opfer teilnahm, verband ich mich mit allen Menschen, die jemals gelebt hatten, von den fernsten Zeiten bis zur Gegenwart, weil ich dasselbe tat wie sie. Meine Empfindung als Teilnehmer an dem überlieferten Meßopfer war, daß ich ein Mensch sei und etwas Menschengemäßes vornehme, daß ich die wichtigste Pflicht menschlichen Daseins erfüllte und dies vielleicht zum ersten Mal, und daß ich sie für alle anderen, die sie nicht erfüllen wollten oder konnten, miterfüllte, weil die Verweigerung der Teilnahme mir plötzlich als etwas geradezu Kindisches und Unernstes erschien. In dem soeben erst auf deutsch erschienenen Aufsatz »Das Titanische und der Kult« von dem unter Stalin hingerichteten Priester Pawel Florenski habe ich ähnliche Gedanken gefunden, die als Worte eines Geistlichen natürlich höheres Gewicht besitzen als die privaten Empfindungen eines Laien. »Unser Gottesdienst ist älter als wir und unsere Eltern, älter als selbst die Welt. Der Gottesdienst ist gleichsam nicht erfunden, sondern gefunden, gewonnen: was immer schon war, das ist mehr oder weniger das Wesen des vernünftigen Gebets. Der orthodoxe Glaube hat das Welterbe in sich aufgenommen, und wir haben in ihm das reine, gedroschene, von der Spreu befreite, gesiebte Korn der Religionen vor uns, das eigentliche Wesen des Menschlichen ... Deshalb steht es außer Zweifel, daß unser Gottesdienst nicht vom Menschen stammt, sondern von Engeln ...« Voraussetzung, den christlichen Kult so zu erleben, ist eine Unterwerfung unter die Form, die jede Spur des Subjektiven auslöscht. Schon in frühester Christenheit lehrte der östliche Kirchenvater Basilius der Große, daß die Liturgie Offenbarung sei wie die Heilige Schrift und niemals angetastet werden dürfe. Und so wurde es auch bis zum Pontifikat Pauls VI. gehalten. Selbstverständlich bewahrte diese Haltung die Liturgie nicht vorModifikation, aber diese Änderungen geschahen organisch, unbewußt, unbeabsichtigt, sie wuchsen aus der kultischen Praxis hervor, wie sich eine Landschaft durch Wind und Wasser in den Jahrtausenden umformt. In der Antike nannte man die Unterbrechung einer Tradition durch den Herrscher einen Akt der Tyrannis. In diesem Sinn ist der Modernisierer und Fortschrittsgläubige Paul VI. ein Tyrann der Kirche gewesen. Ob er vom Anthropologischen her eines Tages mit seinem Gewaltakt recht behalten wird, geht mich nichts an. Ich ignoriere diesen Angriff auf die Göttliche Liturgie. Steinzeitmenschen haben ein unterentwickeltes Verhältnis zur Zeit. Unter Zukunft können sie sich überhaupt nichts vorstellen, von der Vergangenheit vermuten sie, daß sie so ähnlich wie die Gegenwart war.
256 Seiten;
geb. mit Schutzumschlag



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